
Wer über viele Jahre in einem Nagelstudio arbeitet, arbeitet nicht nur mit Nägeln.
Man arbeitet vor allem mit Menschen. Und vielleicht gibt es nur wenige Berufe, in denen man sich über einen so langen Zeitraum so regelmäßig gegenübersitzt und miteinander spricht.
Viele meiner Kundinnen sehe ich alle drei oder vier Wochen – manche über viele Jahre hinweg. Wenn man sich so häufig begegnet, entstehen ganz selbstverständlich Gespräche, Vertrautheit und manchmal Beziehungen, die weit über einen gewöhnlichen Kontakt zwischen Kundin und Dienstleisterin hinausgehen.
Auch die Art meiner Arbeit trägt meiner Meinung nach dazu bei. Wir sitzen uns lange direkt gegenüber, in relativ geringem Abstand, und während der Behandlung halte und berühre ich immer wieder die Hände meiner Kundin. Hände sind etwas Persönliches. Dazu kommen Blickkontakt, Gespräche und vor allem die vielen gemeinsam verbrachten Stunden.
Natürlich bedeutet diese körperliche Nähe nicht automatisch emotionale Nähe. Aber ich glaube schon, dass dadurch eine besondere Form von Vertrautheit entstehen kann, die es in dieser Form nicht in jedem Beruf gibt.
Nähe und Professionalität – eine Balance, die ich lernen musste
Schon in meinen Schulungen wurde mir beigebracht, dass man im Umgang mit Kundinnen eine gewisse professionelle Distanz bewahren sollte. Man darf herzlich sein, zuhören, gemeinsam lachen und natürlich auch etwas von sich erzählen – trotzdem sollte man nicht jedes private Detail aus dem eigenen Leben mit in den Arbeitsalltag nehmen.
Ich muss allerdings zugeben: Diesen Rat habe ich nicht immer perfekt befolgt.
Ich bin von Natur aus spontan und offen. Wenn mir ein Mensch sympathisch ist und ich Vertrauen empfinde, fällt es mir leicht, ebenfalls Persönliches von mir zu erzählen. Gerade wenn man sich regelmäßig sieht und die Gespräche längst über oberflächlichen Smalltalk hinausgehen, fühlt sich das irgendwann vollkommen selbstverständlich an.
Im Laufe der Jahre habe ich jedoch gelernt, dass Offenheit auch Grenzen braucht. Nicht alles, was man im Vertrauen erzählt, bleibt zwangsläufig dort, wo man es erzählt hat. Informationen können weitergegeben werden, aus ihrem Zusammenhang geraten oder irgendwann ganz anders bei einem ankommen, als man sie ursprünglich gemeint hat.
Auch solche Erfahrungen gehören zu meinem Berufsleben und natürlich habe auch ich dabei Fehler gemacht. Heute verstehe ich deshalb manche Regeln aus meinen damaligen Schulungen besser als früher.
Eine professionelle Grenze bedeutet für mich aber nicht, unpersönlich, kühl oder verschlossen zu sein. Sie bedeutet vielmehr, bewusst zu entscheiden, was ich von mir erzählen möchte und was privat bleiben darf.
Gleichzeitig gilt für mich eine ganz klare Grenze in die andere Richtung: Was mir meine Kundinnen über sich und ihr Leben anvertrauen, bleibt bei mir im Studio. Über die Jahre erfährt man natürlich vieles über Familie, Beziehungen, Arbeit, Sorgen und manchmal sehr persönliche Erfahrungen. Für mich gehört es zur Professionalität und zum Vertrauen, solche Informationen nicht weiterzutragen.
Trotzdem entsteht aus all diesen Gesprächen natürlich ein großer Erfahrungsschatz. Man hört, wie andere Frauen mit bestimmten Situationen umgegangen sind, welche Entscheidungen ihnen geholfen haben oder welche Erfahrungen sie gemacht haben. Dieses Wissen kann auch in einem anderen Gespräch wertvoll sein. Wenn ich solche Erfahrungen weitergebe, dann selbstverständlich anonym und ohne Details, durch die die betreffende Person erkennbar wäre.
So kann eine Erfahrung vielleicht einer anderen Frau helfen, ohne dass das Vertrauen derjenigen verletzt wird, von der sie ursprünglich stammt.
Reden dürfen – aber nicht reden müssen
Zu dieser besonderen Atmosphäre gehört für mich allerdings genauso, dass Nähe nicht bedeutet, ständig miteinander sprechen zu müssen.
Nicht jede Kundin möchte während ihres Termins erzählen. Manche kommen nach einem anstrengenden Arbeitstag und möchten einfach abschalten, ihre Hände abgeben und eine Stunde lang ihre Ruhe genießen. Und auch das respektiere ich selbstverständlich.
Eine angenehme Atmosphäre bedeutet für mich nicht, dass jede Stille mit einem Gespräch gefüllt werden muss. Wenn sich ein Gespräch entwickelt, ist das schön. Wenn eine Kundin lieber ihren Gedanken nachhängt, entspannt oder einfach still sein möchte, ist das genauso willkommen.
Es gibt bei mir keine Verpflichtung zum Smalltalk. Manchmal ist gerade diese ruhige Stunde beim Nägelmachen eine kleine Auszeit vom Alltag – und auch dafür darf mein Studio ein Ort sein.

Frauen stärken – und voneinander lernen
Wenn gesprochen wird, geht es nach so vielen Jahren natürlich längst nicht immer nur um Nägel, Urlaub oder das Wetter. Am Nageltisch treffen ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen, Sichtweisen und Persönlichkeiten aufeinander.
Selbstbestimmung, Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit von Frauen sind mir wichtig – und ich glaube, dass gerade im Austausch miteinander sehr viel davon entstehen kann.
Gespräche, von denen beide Seiten etwas mitnehmen
Jede Frau bringt ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Wissen mit: Erfahrungen aus Beruf, Familie und Beziehungen, Wissen über ganz unterschiedliche Themen oder einfach eine andere Sicht auf eine Situation. Auch ich habe über die Jahre unglaublich viel von meinen Kundinnen gelernt und viele neue Perspektiven mitgenommen.
Manchmal stärkt eine Erfahrung, die eine von uns gemacht hat, die andere. Manchmal hilft ein anderer Blickwinkel dabei, eine Situation neu zu betrachten, eine Entscheidung zu treffen oder mehr Vertrauen in den eigenen Weg zu bekommen. Dabei wechseln die Rollen ganz selbstverständlich. Einmal gibt die eine etwas mit, beim nächsten Gespräch die andere.
Genau diesen gegenseitigen Austausch empfinde ich als wertvoll: voneinander lernen, einander unterstützen und bestärken, ohne zu bewerten oder dem anderen sagen zu wollen, wie er sein Leben führen soll.
Vielleicht ist auch das eine Form von gelebter weiblicher Selbstbestimmung: Erfahrungen und Wissen miteinander zu teilen, sich gegenseitig stärker zu machen und trotzdem jeder Frau ihren ganz eigenen Weg zu lassen.

Wenn aus Vertrautheit Freundschaft wird
Und dann gibt es noch eine besonders schöne Entwicklung, die sich nach vielen gemeinsamen Jahren manchmal ganz von selbst ergibt.
Wenn eine Kundin alle paar Wochen zu mir kommt, passiert während dieser Zeit schließlich auch Leben. Man spricht über Arbeit und Urlaub, Kinder und Familie, Beziehungen, Häuser und Umzüge, über schöne Zeiten und manchmal über schwierige.
Man erlebt Veränderungen miteinander. Irgendwann erinnert man sich an eine Geschichte, die vor Jahren erzählt wurde, fragt beim nächsten Termin, wie etwas ausgegangen ist, oder merkt schon beim Hereinkommen, dass heute irgendetwas anders ist.
Manche Kundinnen bleiben Kundinnen, auch wenn man sich sehr gerne mag. Manche werden zu sehr vertrauten Menschen. Und manchmal entwickelt sich daraus tatsächlich eine Freundschaft.
Und das empfinde ich als eine der besonders schönen Seiten meines Berufes.

KI-generierte Illustration – keine Aufnahme meines Studios ⁵



















































